Vorschlag für einen Kulturweg im Süden Langwassers

LANGWASSER - Die beiden südlichen Quartiere von Langwasser sind reich bestückt mit Kunstwerken, Denk- und Ehrenmalen sowie Erinnerungsstelen zur Nachkriegsgeschichte. Ein markierter, mit eigenem Logo ausgestatteter Kulturweg könnte einen großen Teil dieser Objekte miteinander verbinden. Der hier beschriebene Vorschlag führt von einer Bushaltestelle, durch das Zentrum zu, einer anderen Bushaltestelle. Die einzelnen Objekte sollten einheitliche Texttafeln und einen QR-Code haben.

Übersichtskarte mit Kulturelementen
Objekt 1

Startobjekt Nr. 1: In der Nähe der Haltestelle "Georg-Ledebour-/Liegnitzer Straße", Buslinien 54 u. 59, befindet sich am Eingang zur Georg-Ledebour-Schule das Kunstwerk Melancholie II, das als "Kunst am Bau" 1970 von Igael Turmakin geschaffen wurde. Es besteht aus verschiedenen Edelstahlkörpern und einem magischen Quadrat aus Granit. Entnommen sind die Motive aus Albrecht Dürers Kupferstich "Melencolia", welcher nach dem Tod seiner Mutter entstand. Im magischen Quadrat ergibt die Quersumme senkrecht, waagerecht und diagonal immer die Zahl 34.

Objekt Nr. 2: Am Ende der Giesbertstraße steht die katholische Kirche Heiligste Dreifaltigkeit, 1964 von Alexander von Branca gebaut. Das minimalistische Äußere erzeugt eine klösterlich-meditative Stimmung, die sich im Innern fortsetzt. Zum Komplex gehört auch die eindrucksvolle Sakramentskapelle mit stark farbiger Verglasung.

Objekt Nr.3: Nahe bei der Kirche beginnt die dreiteilige "Allegorie des Wassers", ein ca. 500 m langes Kunstwerk aus der Hand einer japanischen Künstlergruppe, die hier 1971 im Rahmen des "Symposium Urbanum" zum 500. Geburtstag Albrecht Dürers aktiv war. Das Motiv ist die Darstellung eines "langen Wassers" in Anlehnung an den Namen des Stadtteils. Es besteht aus dem Quellbereich im Gebirge, bestehend aus 7 Granit-Großsteinen, aus dem Mittelbereich mit mystischen, technisch wirkenden Gebilden und dem Ende mit einer Vertiefung, die an einen See erinnert und Brückenteile im Stil japanischer Gartenbaukunst enthält. Die drei Teile sind optisch durch eine mäandierende Bachlinie im Gehwegpflaster verbunden. Nur im letzten Teil überzeugt die Linie mit Granitsteinpflaster.

Objekt 3.3
Objekt 3.2
Objekt 3.1



Alle drei Teile haben eine Erinnerungsplakette für das "Symposium Urbanum". Das "Mündungsdelta" ist an der Glogauer Straße mit Mühlsteinen garniert.

Objekt Nr. 4: Mit einer Informationsstele wird bei der nahe gelegenen Glogauer Straße an die Ausländersiedlung erinnert, die sich in diesem Bereich nach dem zweiten Weltkrieg befand. In der Nähe gab es außerdem eine evangelische Holzkirche und die russisch-orthodoxe Kirche des Popen Michnenko, der hier Kriegsgefangene aus der Sowjetunion betreute. An der Stele wird außerdem auf das Valkalager hingewiesen, das erste Sammellager für heimatlose Ausländer. Später wurde es nach Zirndorf verlagert und gilt als Urzelle des heutigen Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf).

Objekt Nr. 5: In nördlicher Richtung entlang der Glogauer Straße findet man die Paul-Gerhardt-Kirche, die erste fest gebaute evangelische Kirche aus dem Jahr 1961. Architekt war Franz Reichel. Die Kirche soll mit ihren zwei spitzen Türmen die Verbundenheit Langwassers mit der Altstadt und der Lorenzkirche symbolisieren, weil Langwasser auf dem Gebiet des Lorenzer Reichswalds entstanden ist. Die sehenswerten Fenster im Innern sind von Eitel Klein entworfen. Die farbigen Fenster erzählen die Passionsgeschichte. Kreuz, Altar und Taufstein stammen von Heinz Heiber, der als Mitglied der Akademie der Künste weitere Kunstwerke in Langwasser geschaffen hat, siehe auch z. B. Objekt Nr. 10.

Objekt Nr. 6: Gegenüber der Kirche steht auf dem Heinrich-Böll-Platz die zentrale Informationsstele. Auf vier Feldern werden Überblicke über die geschichtlichen Entwicklungen und Funktionen des Gesamtgebiets von Langwasser gegeben.

Objekt 7

Objekt Nr. 7: Das 2005 aufgestellte Erinnerungsmal von Meide Büdel auf dem Heinrich-Böll-Platz wurde aus Anlass des fünfzigjährigen Bestehens des Bürgervereins kreiert. Die Plastik steht auf einem halbrunden Podest und antwortet damit auf die im Halbrund angeordneten Wasserfontänen gegenüber. Das Kunstwerk kann als ein "denk-mal" für die Integrationsleistung von Langwasser gewertet werden. Zwei miteinander verbundene, verhakte und teils auseinanderklaffende Stahlplatten (Kulturen) springen kraftvoll aus dem Boden empor. Das Material ist aus korrosionsgeschütztem Cortenstahl.

Objekt 8

Objekt Nr. 8: Der am nahen Eingang zur U-Bahnstation Gemeinschaftshaus stehende Apollobrunnen ist ein Geschenk der Stadt Nürnberg in Anerkennung der Integrationsleistung Langwassers. Der "Göttliche Bogenschütze" ist ein Bronze-Nachguss des ursprünglich für das Herrenschießhaus in der Altstadt geschaffenen Brunnens von Peter Flötner aus dem Jahr 1532. Das als Frühwerk der Renaissancezeit angesehene Original kann heute Im Fembohaus besichtigt werden.

Objekt Nr. 9: An der Wand des Kauflandgebäudes ist ein von Kindern, Jugendlichen und Senioren nach Anleitung von Andreas Zeug geschaffenes Groß-Graffiti entstanden. Vorher gab es hier teils als Belästigung empfundene Schmierereien. Nun stehen hier seit November 2015 Schlagworte, wie "Willkommen in Langwasser" (in mehreren Sprachen), "Frieden" "Liebe" und "Respekt".

Objekt 10

Objekt Nr. 10: Auf dem Elisabeth-Selbert-Platz gibt es eine Erinnerungsskulptur von Heinz Heiber, die auf das Wirken der Namensgeberin für den Platz anspielt. Elisabeth Selbert war eine der wenigen Frauen, die im Parlamentarischen Rat 1948 das Grundgesetz mitformuliert haben. Ihr Verdienst ist die mühsame Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frau und Mann. Die drei Teile des Erinnerungsmals symbolisieren die drei Säulen unserer parlamentarischen Demokratie, Legislative, Exekutive und Judikative (Pflasterband zur Laterne).

Objekt 11

Objekt Nr. 11: Auf der Wiese bei der Einmündung der Oppelner Straße in die Görlitzer Straße findet man die Fohlengruppe von Hermann Christlieb aus dem Jahr 1930. Dem damaligen Kunststil entsprechend kam es weniger auf die naturgetreue Darstellung an. Vielmehr stand die Lebensnähe, die innere Erregung und die Wirkung auf den Menschen im Vordergrund. Die beiden Fohlen begegnen sich freudig, spitzen die Ohren beschnuppern sich und wedeln mit den Schwänzen, als ob sie miteinander spielen wollten.

Objekt Nr. 12: Am ehemaligen Einkaufszentrum an der Görlitzer Straße steht der 1967 von Wilhelm Uhlig geschaffene Taubenschwarmbrunnen. Bei sprudelndem Wasser würden die aus den Edelstahlrinnen herauslaufenden Wasserfälle den Eindruck einer auffliegenden Vogelschar vermitteln. Leider ist es bisher nicht gelungen den Brunnen wieder in Aktion zu bringen.

Objekt 13

Objekt Nr. 13: Im Innern der Wohnanlage am Franz-Reichel-Ring findet sich das Kunstwerk derselben japanischen Künstlergruppe, die auch im Rahmen des "Symposium Urbanum" die Allegorie des Wassers geschaffen hat. Wie eine steinerne Karawane scheinen Tiere zur Tränke zu ziehen. Das Leittier hat bereits das Wasserbecken erreicht und scheint daraus zu trinken, ein anderes schläft noch. Das Motiv könnte mit dem einst an dieser Stelle stehenden Friedensdorf zusammen hängen. Das Dorf wurde nach dem Krieg für Waisenkinder gebaut, um ihnen eine Ausbildung zu vermitteln und sie für das künftige Leben fit zu machen. Eine Erinnerungstafel schildert ausführlich die Geschichte dieser "Wissens- und Lebenstränke".

Objekt Nr. 14: Am Dr.-Linnert-Ring gab es früher einen provisorischen Friedhof, der im Mai 1945 von einem Offizier der US-Army eingerichtet wurde. 842 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter verschiedener Nationen waren hier begraben. Sie hatten die Befreiung durch die Amerikaner nicht überlebt und wurden 1958 zum Südfriedhof umgebettet. 1994 hatte der Pfarrer der nahe gelegenen Passionskirche die Idee, hier eine Gedenkstätte zu schaffen. Ein Mauerstück mit Gedenktafel und im Boden eingelassene Natursteine markieren eine Ecke des früheren Gräberfelds.

Objekt 15

Objekt Nr. 15: Der US-General und Außenminister George C. Marshall wollte das kriegszerstörte Europa möglichst schnell wieder aufbauen und schuf einen nach ihm benannten Finanzierungsplan. Aus diesen Mitteln entstand das erste Wohnprojekt Deutschlands am Dr.-Linnert-Ring. Daran erinnert das Marshallplan-Denkmal. 1998 wurde es anlässlich der Sanierung des Wohnkomplexes von der wbg-Nürnberg errichtet. Das Material besteht aus geschroteten Ziegelsteinen, die aus den Trümmern der zerstörten Stadt zu neuen Bausteinen zusammen gebacken wurden. An der Rückseite sind die Ziegel erkennbar.

Am Marshallplan-Denkmal endet der Kulturweg. Entlang der nahen Liegnitzer Straße kann an der Breslauer Straße die Bushaltestelle "Neulandsiedlung" erreicht werden. Dort fahren die Buslinien 52, 68, 602 und 603 zum U-Bahnhof Langwasser Mitte.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Entwurf wurde im Rahmen der Bewerbung zur Kulturhauptstadt der Stadt Nürnberg bei der OpenCall Plattform eingereicht. Ab dem 17.06.2018 kann für Projekte abgestimmt werden, den Kulturweg finden Sie hier: https://opencall.n2025.de/items/32705?appId=22061. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels stehen auf der Plattform insgesamt vier Projekte mit Bezug zu Langwasser online.

Als Vorentwurf aufgestellt
am 6. Juni 2018

Textnachweis: Jürgen Milowski (kleinere Anpassungen durch LwTV-Redaktion)

Bildnachweis: Jürgen Milowski


Veröffentlicht am 13.06.2018