Verborgene Geschichte am Friedenspark in Langwasser

LANGWASSER - Derzeit wird im Siedlungsgebiet Langwasser T kräftig gebaut. Aktuell entsteht dort ein komplett neues Wohnviertel (SchönLebenPark) und nächstes Jahr soll dann auch mit dem Neubau der Bertolt-Brecht-Schule (BBS) begonnen werden (LwTV berichtete mit einem Video). Ganz Langwasser spielte während der Zeit der Reichsparteitage eine zentrale Rolle, nun droht die Vergangenheit des Stadtteils im Zuge der neuen Baumaßnahmen immer weiter in den Hintergrund zu rücken. Die hier wichtigen Orte und ihre Bedeutung zu benennen und darüber zu informieren haben sich die Langwasser Botschafter zur Aufgabe gemacht. Einer von ihnen, Jürgen Milowski, berichtet im exklusiven Interview mit Langwasser TV über das ehemalige Märzfeld, genauer gesagt den Teil der im Bereich der verlängerten Großen Strasse liegt. Hier soll der vor 30 Jahren begonnene Friedenspark vervollständigt werden.

Blick auf die Burg vom Mittelpunkt des ehemaligen Märzfelds aus.

Milowski bietet in ganz Langwasser bei seinen ehrenamtlichen Führungen Themen zur Historie, zu Brunnen, Kunstwerken, Denk- und Ehrenmalen sowie zum Städtebau an.

Blick auf die Burg vom Mittelpunkt des ehemaligen Märzfelds.

Ein größeres und kontrovers diskutiertes Thema ist beispielsweise der Blick auf die Burg. Dieser Blick ist aufgrund seines historischen Stellenwerts denkmalgeschützt. Folgt man der großen Strasse und läuft nach Langwasser hinein, betritt man ab der Karl-Schönleben-Strasse das Areal des potentiellen Friedensparks. Geht man weiter bis zur großen Wiese, sieht man dort fast die ganze Burg (siehe Bild). Bis jetzt. Denn die freien Flächen werden bald mit neuen Wohnblöcken durch die Wohnungsbaugesellschaft Nürnberg (wbg) bebaut. Allerdings besteht hier noch Hoffnung den Blick weiterhin zu gewährleisten: Ein schmaler Sichtschlitz, mit einer Breite von etwa zwei Metern, ließe sich trotz Wohnbau sicherstellen. Dieser würde allerdings zukünftig bei weiterem Kronenwachstum durch eine Reihe von Lindenbäumen blockiert werden. Milowski empfiehlt diese Baumreihe an einen anderen Ort zu versetzen, um diesen Blick vom Friedenspark aus zu erhalten, insbesondere weil dahinter die restlichen 12 von insgesamt 18 Bäumen sowieso für die Turnhalle der neuen BBS weichen müssen. Die Freifläche zwischen Schulgebäude und Turnhalle wird als Forum einen neuen, öffentlichen Treffpunkt für Anwohner bieten und darf unter keinen Umständen bebaut werden, um den Blick auf die Burg zu erhalten (Quelle, Stadtplanungsamt Stadt Nürnberg, I.5.9 (pdf)). Milowski unterstützt diese Entscheidung, kritisiert jedoch, dass bei den Planungen der Zusammenhang mit dem schon fertiggestellten Teil des Friedensparks nicht sonderlich beachtet wird.

Klettergrüst markiert als erstes Element den Mittelpunkt vom ehemaligen Märzfeld.

Im Luftbild oben erstreckt sich der Friedenspark im Bereich zwischen der Karl-Schönleben-Strasse über das Baugebiet T bis hin zum Wohnviertel an der Tucholskystrasse und Annette-Kolb-Strasse (Wohnviertel R). Den Mittelpunkt des ehemaligen Märzfelds markiert an prominenter Stelle im harten Gegensatz zu seiner Vergangenheit ein Klettergerüst als Teil eines Spielplatzes. Milowski sieht in der Möglichkeit von dort aus die Burg zu erblicken, als ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument, welches den Größenwahn der Zeit des Nationalssozialismus darzustellen vermag. Dies zu erhalten und auszubauen sei auch für die Bewerbung der Stadt Nürnberg als Kulturhauptstadt 2025 von großer Bedeutung.

Wiesenmulde als zweites Element des Friedensparks.

Neben dem Spielplatz, stellt eine Wiesenmulde das Symbol einer "Abflussrinne für die braune Brühe" dar und soll den ehemaligen Kriegsspielplatz Märzfeld kontrastieren. Auf der Wiesenmulde sind Großsteine der damaligen NS-Bauten verteilt, sie sollen diese Mulde optisch umrahmen. Heute werden diese Steine genutzt um sich auszuruhen und inne zu halten aber auch als interessantes Spielelement für Kinder und Jugendliche. Entlang dieser Wiesenmulde findet man zwei Übergänge, davon eine erst kürzlich erneuerte Brücke, die glücklicherweise aufgrund von Protesten der Anwohner nicht zu einem kostengünstigeren Damm umgestaltet wurde.

Die Pergola als drittes Element des Friedens.

Als drittes Element des Friedens schließt sich eine Pergola an. Mit Ihrer Ausrichtung quer zur Großen Strasse bildet sie zum Einen eine Aussichtsanlage zur Burg und zum Anderen gleichzeitig den Abschluss einer gedachten Verlängerung der Großen Strasse. Meist Ort zum gemütlichen Zusammenkommen, lässt er vergessen, dass hier vor 70 Jahren zu NS-Zeiten kaum denkbar gewesen wäre ungestört das Panorama der 6,21 km entfernten Burg zu genießen, sondern ursprünglich ein rund 1000 Meter langes und 600 Meter breites militärisches Aufmarschgelände zur Machtdemonstration geplant war.

Fundamentreste der nördlichen Tribüne des ehemaligen Märzfelds.

An anderen Stellen erinnern Informationstafeln an deren historische Bedeutung. So etwa an der Großen Strasse, die ursprünglich als Parade- und Aufmarschroute geplant war und von der US Armee als militärische Landebahn für Flugzeuge genutzt wurde (Tafel Nr. 18), bei den Fundamentresten der Märzfeldtürme am Langwassergraben (Tafel Nr. 19) oder beim Bahnhof Märzfeld, welcher für die Anreise der Teilnehmer der Reichsparteitage geplant, dann aber im Krieg für Judendeportationen und Kriegsgefangenentransporte genutzt wurde (Tafel Nr. 20). Die Langwasser Botschafter stehen hinter dem Beschluss des Stadtrates, dass der Bahnhof zu einer Gedenkstätte werden soll (Quelle, öffentliche Stadtratssitzung 04.03.2016) – Anmerkung der Redaktion: Langwasser TV unterstützt diesen Stadtratsbeschluss ebenfalls und hofft bei einer Erarbeitung von digitalen Lernerfahrungen, wie z.b. einem virtuellen Museum, auf eine gemeinsame Zusammenarbeit.

Des Weiteren regen die Langwasser Botschafter an, dass diese Informationsroute ausgebaut wird und beispielsweise durch eine weitere Informationstafel auch den Friedenspark thematisiert.

Manchmal wird irrtümlich behauptet, dass das Reichsparteitagsgelände an der Karl-Schönleben-Strasse endet und markante Gebiete wie das Märzfeld und der zugehörige Bahnhof Märzfeld oder die diversen Arten das Gelände als Lager zu nutzen (u.a. durch Sturmabteilung (SA), Kriegsgefangene, Vertriebene (Valka) ) nicht dazu gehörten. Auch die häufig benutzte Formulierung, dass die Große Strasse an der Karl-Schönleben-Strasse endet, ist nicht korrekt. Diese verläuft mindestens bis zur Einfahrt zur Fundamentzone des ehemaligen Märzfelds, besonders in diesem Bereich kann man teilweise noch den Unterbau sehen.

Nicht nur im Hinblick auf den bestehenden und künftigen Schulbetrieb der BBS, ist die Pflege der geschichtlichen Restbestände wichtig. Das geplante Forum zwischen Turnhalle und Schulgebäude wird künftig wohl nicht nur von Anwohnern genutzt, es sollte durchaus auch Schüler des Abendgymnasiums, Sportvereine und im besten Fall Touristen dazu einladen, sich mit der Geschichte von Nürnberg befassen zu wollen. Das Gebiet um den Friedenspark könnte sich als Dreh- und Angelpunkt der historischen Identifikation des Stadtteils Langwasser mit seiner bedeutsamen Vergangenheit und als attraktiver Lernort etablieren.

Veranstaltungshinweis:
Wenn Sie mehr zu diesem Thema erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen am Do., 13.07.2017 um 17:00 Uhr an der Radtour "Sichtachsenstudium auf Großer Straße und Märzfeld" mit Jürgen Milowski teilzunehmen bzw. aus dem vielseitigen Exkursionsangebot des Amtes für Kultur und Freizeit (KUF) Nürnberg zu wählen.

Bericht und Fotos: © 2017, Adam Kalisz, Langwasser TV

Der Bericht wurde auf Grundlage zahlreicher Informationen und Texte von Jürgen Milowski bzw. den Langwasser Botschaftern verfasst, die uns freundlicherweise kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden. Vielen Dank dafür!


Veröffentlicht am 05.07.2017